So, wie Unternehmen immer wieder nach neuen Möglichkeiten suchen, im Kampf um Kunden (Guerilla-Marketing) oder Bewerber (Guerilla-Recruiting) aus der Masse hervorzustechen, sind es seit einiger Zeit auch die Bewerber selbst, die sich auf dem umkämpften Arbeitsmarkt durch kreative Ideen hervortun möchten. Dabei müssen es nicht immer Guerilla-Bewerbungen sein, in denen das Rad neu erfunden wird. Schon etwas Farbe und grafische Aufbereitung können aus einem langweiligen Schriftstück das Gesprächsthema des Tages innerhalb einer Personalabteilung oder gar der ganzen Firma machen. Die Frage, die sich dabei aber immer stellt bleibt: Wann wird aus kreativ unangemessen?

Aus dem Leben eines Personalers

Das Leben eines Personalers kann manchmal ziemlich öde sein. Zum Beispiel, wenn unzählige immer gleiche Bewerbungsunterlagen gesichtet werden müssen. Jede Bewerbung schwarz und weiß, geschrieben in Arial, Times New Roman oder einer der anderen üblichen Schriftarten. Keine Bilder, außer vielleicht das gestellte Porträtfoto des Bewerbers in Anzug oder Bluse. Und natürlich sind alle Bewerber „kreativ, eigenständig, motiviert“. Der Tag schreitet voran, die restlichen Aufgaben eines Personalers drängeln und die Bewerbungen fangen an, vor den Augen desselben zu verschwimmen. Doch plötzlich ist der Personaler wieder hellwach. Bunte Farben und ein aufregendes Design. Auf einmal macht es wieder Spaß, die Bewerbung zu studieren und die ganzen coolen Details zu entdecken. Der Bewerber scheint tatsächlich kreativ, eigenständig und motiviert zu sein. Alle Fähigkeiten sind in übersichtlichen Grafiken dargestellt und das Design lässt darauf schließen, dass sich der Bewerber wirklich Gedanken über seine Bewerbung gemacht hat. Nun bedeutet außergewöhnlich nicht außergewöhnlich gut. Doch es ist die halbe Miete. Ein Vorstellungsgespräch kann nicht schaden, der Bewerber muss eingeladen werden.

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Foto: pexels.com

Kreativität und ihre Grenzen

Natürlich ist es nicht ganz so einfach, wie in der eben beschriebenen Situation suggeriert. Es lässt sich jedoch kaum bestreiten, dass sich wohl fast jeder Leser zumindest ein wenig in genau diese Situation hineinversetzen konnte. Denn mit Bewerbungen wie Produkten verhält es sich im Grunde immer gleich. Zuerst müssen sie auffallen, dann überzeugen. Mit einer kreativen Bewerbung ist eben dieser erste Schritt getan. Die Frage, die lediglich übrig bleibt, ist die, mit der dieser Artikel bereits eingeleitet wurde. Wie kreativ darf’s sein?

Grundsätzlich sind bei Bewerbungen der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Die Charakterbeschreibung einer Rollenspielfigur, die Seite einer Tageszeitung oder eine Grafik im Stile eines Geschichtsplakats zur Menschheitsentwicklung – alles ist möglich. Wie wäre es alternativ mit einem Schnittmuster für einen „Bewerbungswürfel“? Kein Problem! Auch inhaltlich muss es nicht immer bitterernst sein. Warum nicht mal eine Grafik zur Korrelation von Produktivität und Kaffeekonsum des Bewerbers? Selbstverständlich kann auch ansonsten mit durchdachten Layouts gespielt werden, ohne dass etwas damit nachgeahmt werden muss.

Diese Extremformen sind natürlich Ausnahmen, die nicht in jeder Situation angemessen sind. Es kann aber auch schon reichen, wenn ein klassisches Design etwas modernisiert und aufbereitet wird. Hier eine durchdacht eingesetzte Farbe, dort ein gezielt umplaziertes Element und die Fähigkeiten übersichtlich mit einer Punktskala veranschaulicht. Schon hebt man sich vom Einheits(text)brei der anderen Bewerbungen ab, ohne die geforderte Seriosität über Bord zu werfen. Auch mit der Form der Bewerbung kann gespielt werden, beispielsweise mit abgerundeten Ecken oder quadratischem Format.

Kreative Bewerbungen – darauf kommt es an

Wie kreativ eine Bewerbung sein darf, ist letztendlich von vielen Faktoren abhängig. Je kreativer die Branche bzw. angestrebte Position, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine kreative Bewerbung positiv auffällt. Ein Grafikdesigner beispielsweise kann so schließlich direkt eine Arbeitsprobe aus seiner Bewerbung gestalten und seinen Stil präsentieren. Dies ist auch schon ein weiterer Faktor, der Bewerber selbst. Die Bewerbung sollte immer den Bewerber repräsentieren. Was bringt schon eine Bewerbung im Rollenspiel-Format, wenn der Bewerber mit Rollenspielen überhaupt nichts am Hut hat? Auch aus dem Internet kopierte Bewerbungslayouts, die weit über den Fähigkeiten des Bewerbers liegen, bringen letztendlich keinen Erfolg. Falsche Versprechungen erweisen sich meist sehr schnell als falsch. Andersrum sollte darauf geachtet werden, dass die benötigten Fähigkeiten und Kenntnisse für gutes Design vorhanden sind, bevor eine Bewerbung selbst designt wird. Ansonsten wird eine stümperhafte Bewerbung sehr schnell zum Eigentor.

Ohnehin ist und bleibt der wichtigste Faktor einer Bewerbung der Inhalt. Kann der Bewerber selbst nicht überzeugen, wird es mit der Einstellung nicht klappen. Hübsche Verpackungen können den Verkauf schließlich fördern, doch wer kauft schon leere Verpackungen? Deswegen sollte trotz aller Kreativität darauf geachtet werden, Inhalte zu vermitteln und das möglichst schnell und übersichtlich. Die Personaler bleiben unter Zeitdruck und wollen schnell das Wesentliche erfassen und vielleicht in einem Meeting präsentieren können. Überhaupt kommt es auch immer auf die Persönlichkeit des Personalers und des Unternehmens an, ob Offenheit für kreative Ideen besteht oder konservative Seriosität gefordert wird. Natürlich sollte ohnehin jede kreative Bewerbung auf alle Faktoren abgestimmt sein und einen erkennbaren Bezug dazu besitzen. Denn auch im Rahmen einer erfolgsversprechenden Bewerbung gilt:

„Design is content with intent. Content without intent is noise. Intent without content is decoration.“
– Joe Sparano

Über den Autor

Niklas Rügge ist Student der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Marketing. Seit Mai unterstützt er das Team der TowerConsult GmbH, dem IT-Personalexperten aus Jena, unter anderem bei der Pflege des firmeneigenen Blogs, Bewerberblog, der Bewerbern interessante Infos rund um die Themen Bewerbung und Arbeitswelt bietet.