Grafikdesign ist ein so großer Teil unserer modernen Welt, dass man sich schwer vorstellen kann, ohne zu leben. Und irgendwie haben wir das auch nie: Visuelle Kommunikation ist ungefähr so alt wie unsere opponierbaren Daumen, auch wenn es ein langer Weg von den Steinwerkzeugen zu digitalen Tablets war. Kurz gesagt ist die Geschichte des Grafikdesigns eine Geschichte, die sich durch die gesamte menschliche Existenz hinweg erstreckt. Sie inspiriert und prägt noch heute selbst moderne Grafikdesigner.

Zunächst einmal hilft es Designern, ihren Platz in der Geschichte zu kennen, wenn sie wissen, wo, weshalb und wie diese Branche entstanden ist. Konkreter gesagt sind stilistische Trends zyklisch. Die Vergangenheit zu studieren kann in der Gegenwart durchaus innovative Ideen hervorbringen. Begleite uns also auf einer Reise, auf der wir die Wurzeln des Designs von der vorindustriellen Zeit bis zum heutigen Tag verfolgen. Mit ein bisschen Glück hinterlässt du vielleicht deinen eigenen Fußabdruck!

A 3D model of a caveman fishing character
3D-Höhlenmensch von Emanuel Barros

Vor der Druckerpresse: Von der Vorzeit zur Renaissance

So richtig begann Grafikdesign nach der Erfindung der Druckpresse im Jahr 1440, aber die Wurzeln visueller Kommunikation gehen bis zu den Höhlenmenschen zurück. In diesem Abschnitt gehen wir durch die Ereignisse der Frühgeschichte, welche den Weg für Grafikdesign geebnet haben, schon Jahrhunderte bevor die Welt bereit dafür war.

Höhlenmalereien ~38.000 v.d.Z.

Es scheint, als hätten Menschen schon immer einen angeborenen Drang zu Kunst gehabt. Das beweisen frühe Höhlenmalereien, die auf prähistorische Zeiten zurückdatieren. Die Motive reichen von Tieren über Handabdrücke bis hin zur menschlichen Jagd und wurden überall auf der Welt gefunden (Australien, Spanien, Indonesien, Frankreich, Argentinien, um nur ein paar zu nennen). Historiker streiten noch über die Details, mit wem diese kommunizieren sollten (ob untereinander oder mit ihren Göttern), aber eine Sache ist klar: Menschen haben von Beginn an ein Talent dafür gezeigt, mithilfe von Bildern zu kommunizieren.

Cueva de las Manos cave paintings in Argentina
Cueva de las Manos in Perito Moreno, Argentinien. Via Wikipedia

Schriftsprache der Sumerer – 3300 – 3000 v.d.Z.

Early Sumerian letter
Eine vorzeitliche Schrifttafel mit schlechten Neuigkeiten: Ein Brief an den König von Lagash, der ihn über den Tod seines Sohnes im Kampf informiert.

Während du diesen Artikel liest und all diese winzigen, abstrakten Zeichen des lateinischen Alphabets zu Worten und Sätzen deutest, kann es leicht in Vergessenheit geraten, dass Alphabete eine Erfindung der Menschheit sind. Soweit wir wissen, erfanden die Sumerer eine der ersten geschriebenen Sprachen, höchstwahrscheinlich, um Händlerbestände festzuhalten, damit keiner der Kuriere etwas aus den Lieferungen stahl.

Die frühesten Sprachen waren logografisch –  Statt phonetischer Geräusche standen Symbole für ganze Wörter. Dies deutet auf eine natürliche Fähigkeit von Menschen, visuelle Darstellung zu verwenden, um komplexe Idee zu kommunizieren – ein Eckpfeiler modernen Grafikdesigns. Und in den letzten paar Jahrtausenden hat sich nicht viel geändert: Designer verlassen sich immer noch auf Symbole wie Hamburger Menüs oder Lupen, um auf begrenztem Raum ganze Wörter und Konzepte darzustellen.

Entwicklung des chinesischen Drucks 200 – 1040

Yuan dynasty woodblock edition of a zaju play, Zhuye Zhou.
Ein Holzschnitt eines chinesischen Theaterstücks aus der Yuan Dynastie.

In China wurden die meisten Drucktechniken erfunden, einschließlich Papier, das nicht Papyrus ist, Holzschnitt und bewegliche Lettern – und alle traten früher in Erscheinung, als du gedacht hättest.

Schon 200 v. Chr. nutzte man in China Holzreliefs, um Designs auf Bekleidung aus Seide und später auf Papier zu drucken und zu stempeln. Im Jahr 104 erfand Bi Sheng die weltweit erste Druckerpresse aus Porzellan, mehr als 400 Jahre bevor Gutenberg eine ähnliche Technik nach Europa brachte.

Mittelalterliche Kalligrafie – 700

Im Mittelalter nahm die Typografie an Fahrt auf, als die Menschheit begann, ihren ästhetischen Horizont auf Buchstaben und Worte selbst zu erweitern. Da während dieser Zeit Texte mit Hand produziert und vervielfältigt wurden, wurden Bücher durch ein wenig künstlerisches Geschick wertvoller, wodurch sich bestimmte Gelehrte von anderen absetzten. In islamischen Kulturen war Typografie doppelt so wichtig, da bildliche Kunst als frevelhaft angesehen wurde. Dadurch war Typografie eine der wenigen zulässigen künstlerischen Ausdrucksformen.

Nasta'liq calligraphy by Mir Emad Hassani
Der berühmte persische Kalligraf des 16. Jahrhunderts, Mir Emad, demonstriert den Nasta’liq-Stil.
1600s German coats-of-arms
Deutsche Wappen aus dem 15. Jahrhundert. Via Wikipedia

Europäische Heraldik – ~1100

Technisch gesehen war das erste Logo der Welt das Wappen. Es wurde als Symbol genutzt, um Familien oder Territorien zu repräsentieren. Wissenschaftler glauben, dass diese Praktik während der Kreuzzüge populär wurde, wo Soldaten aus verschiedenen Ländern und Häusern ihnen eine Bedeutung gaben, um sich unterscheiden zu können, besonders auf Rüstungen und Kriegsflaggen.

Ebenso wie ein Logo war das Ziel eines Hauswappens, die Werte, Charakteristika und Stile der Menschen zu repräsentieren. Später hatten diese Embleme praktischere Zwecke, wie beispielsweise Wachssiegel, um Echtheit widerzuspiegeln.

Ladenbeschilderung – 1389

Old-fashioned bar sign
Schild außerhalb des Green Dragon Pub. Via Pinterest

Im 14. Jahrhundert zu einer Zeit, als die meisten Wasserquellen verschmutzt waren, wurden Bier und Ale praktikable wenn nicht bevorzugte Alternativen zu Trinkwasser. König Richard II. von England erließ ein Gesetz, nach dem Häuser, in denen es Ale gab, draußen Schilder haben mussten, damit die Menschen sie leichter finden konnten.

Dies waren nicht nur die ersten Beschilderungen, die tatsächlich Unternehmen repräsentierten, sondern auch der Ursprung einer wundervollen Tradition, die bis heute überlebt hat.

Die Geburt des Grafikdesigns: Von der Renaissance zum Industriellen Zeitalter

Mit dem Aufkommen der Druckerpresse in Europa, war die Menschheit in der Lage, Text, Kunst und Design für relativ wenig Geld in riesigem Maßstab zu reproduzieren. Die Vorgänger moderner Unternehmen – ebenfalls auf dem Vormarsch – bemerkten schon bald, wie solche visuellen Hilfsmittel das Kaufverhalten beeinflussen und Gewinne erhöhen konnten. Das war die Geburtsstunde des modernen Designs.

Early wooden printing press, depicted in 1568.
Der frühe Druckprozess circa 1568. Via Wikipedia

Erfindung der Gutenbergpresse – 1439

Johannes Gutenberg brachte 1439 bewegliche Lettern nach Europa, machte so die westliche Welt mit der Massenkommunikation bekannt und veränderte die Zivilisation für immer. Mit der Gutenbergpresse mussten sich die Menschen nicht mehr auf umfangreiche wissenschaftliche Vervielfältigungen von Büchern verlassen, wodurch Literatur (und Bildung) den Massen zugänglich war und sie erschwinglich machte. Die Gutenbergpresse ebnete den Weg für eine kommerziellere Nutzung von Design, was zu einer Ära des Grafikdesigns führte, wie wir es heute kennen.

Printers’ marks from the 1400s
Symbol eines Druckers aus dem 15. Jahrhundert. Via Smashing Magazine

Erste Logos – späte 1400er

Zuerst nutze die Druckindustrie Logos, obwohl diese sich auf Kennzeichen auf ihren eigenen Dokumenten beschränkte. Sie wurden nicht nur als Branding verwendet, sondern auch um ihr Können zur Schau zu stellen. Wie gut das Logo gedruckt war, spiegelte wider, wie gut alles gedruckt war.

One of the earliest known print advertisements
Eine der ersten bekannten Printanzeigen. Via the Brent Museum and Archive

Erste Printanzeigen – 1620er-Jahre

Die Druckerpresse ebnete den Weg für das „Coranto“, den Vorgänger der Zeitung. Im frühen 16. Jahrhundert zeigten die Corantos die ersten gedruckten Werbeanzeigen.

(Um genau zu sein datieren schriftliche Werbeanzeigen zurück auf das alte Ägypten, aber dies ist das erste Mal, dass wir Bilder in massenproduzierten Anzeigen sehen.)

Chromolithographie – 1837

early chromolithography ad with uncle sam
Anfängliche Werbung ist nicht für ihre Feinsinnigkeit bekannt.

Die technologischen Fortschritte hielten an und trieben so den Fortschritt des Grafikdesigns voran, wie beispielsweise die Möglichkeit, in Farbe oder Chromolithographie zu drucken. Obwohl Chromolithographie hauptsächlich verwendet wurde, um Gemälde zur heimischen Dekoration nachzubilden, öffnete sie auch neue Türen für Werbung.

An early Dr. Pepper chromolithograph ad
Eine frühe Chromolitographie-Anzeige von Dr. Pepper. Via Tim Broadwater

Marken waren nun in der Lage, viele der bekannten Marketing-Tools zu verwenden, die wir heute kennen, wie beispielsweise charakteristische Farbschemata und das Aufbauen emotionaler Verbindungen durch alltägliche Szenen. Zuvor wirkten Bilder noch durch die Technologie der damaligen Zeit gekünstelt (schau dir das Tinten-Coranto im oberen Abschnitt an. Alte Bilder bevorzugten einfache Klarheit statt komplexer Emotionen. Aber Chromolithographie ermöglichte einen gewissen Grad an Realismus, wodurch Werbeanzeigen sich attraktive Models, angesagt Mode und künstlerische Verwendung von Farbe zunutze machen konnten.

Grafikdesign in der Moderne

Grafikdesign, wie wir es heute kennen, entwickelte sich so richtig in der Moderne, ungefähr zwischen dem späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Während es im 20. Jahrhundert mehr um die technologischen Fortschritte und neuen Möglichkeiten ging, ging es in der Moderne darum zu lernen, wie man diese Fortschritte für künstlerische Ziele nutzen kann. Mit Druck als mittlerweile verbreitete Technik und dem Wettbewerb als Antrieb für Innovationen wurden Künstler und Designer dazu aufgerufen, neue Stile und Techniken zu entdecken, welche schnell in Werbung und Branding einflossen.

Die Wiener Werkstätte (erste Grafikdesign-Agentur) – 1903

Als immer mehr Unternehmen die Vorteile von Grafikdesign erkannten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Grafikdesign-Agenturen aufkamen. Diese Ehre gebührt der Wiener Werkstätte, einer Organisation, die maßgeblichen Anteil an Designstilen und Unternehmen gleichermaßen hatte.

Works from the Wiener Werkstätte
V. l. n. r.: Monogramm der Werkstätte, Rosen-Logo und das Logo der Galerie Miethke. Via Smashing Magazine

Die Wiener Werkstätte war die erste Organisation bildendender Künstlern ihrer Art, einschließlich Malern, Architekten und frühen Grafikdesignern. Organisatorisch setzte sie einen Präzedenzfall für alle anderen gemeinschaftlichen Agenturen, die ihnen folgten.

Ihr vielleicht größtes Vermächtnis war stilistische Innovation wie der Kubismus. Als Gruppe von kollaborativen, professionellen Künstlern hatten sie großen Einfluss auf Designstandards für kommende Generationen von Künstlern. Dies gilt besonders für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die kulturelle Haltung weltweit veränderte. Die Arbeit der Wiener Werkstätte bildete die Grundlage für das berühmte Bauhaus und Art déco, die schon bald folgten.

Staatliches Bauhaus, gegründet 1919

modernism advertising see America poster
Teil der Tourismus-Poster „See America“in den 1930er-Jahren von Alexander Dux. Via National Geographic

Das Staatliche Bauhaus führte das weiter, was die Wiener Werkstätte begann und öffnete 1919 erstmals in Weimar seine Türen. Sie hatten ein ambitioniertes Ziel: ein Gesamtkunstwerk zu kreieren, ein künstlerisches Ideal, welches existierende Kunstformen in einer perfekten Arbeit vereinte. Das Interessante ist, dass sie tatsächlich Erfolg hatten: Bauhaus war eine der zentralen, treibenden Kräfte hinter der Popularisierung des modernistischen Stils.

Der Begriff „Grafikdesign“ taucht zum ersten Mal auf – 1922

William Addison Dwiggins
William Addison Dwiggins. Via Wikipedia

In seinem Artikel „New Kind of Printing Calls for New Design“ („Neue Arten des Druckens rufen nach neuen Designs“), abgedruckt im Boston Evening Transcript am 29. August 1922verwendete der Buchdesigner William Addison Dwiggins als Erster den Begriff „Grafikdesign“, um genau zu beschreiben, welche Rolle er bei der Strukturierung und im Umgang mit den visuellen Inhalten eines Buchdesigns spielt. Vom ersten Tag an hatten Designer Probleme damit, Laien zu erklären, was sie eigentlich genau machen.

Paul Rand veröffentlicht Thoughts on Design – 1947

Mit einem Fuß in der Moderne und dem anderen in der Postmoderne verhalf der legendäre Designer Paul Rand  Grafikdesign zu seiner heutigen Form. Er veröffentlichte seine Theorien und Ideologien in seiner grundlegenden Arbeit „Thoughts on Design“ („Gedanken zu Design“), welche in großem Maße die Zukunft der gesamten Grafikdesign-Branche formte.

Paul Rand logos
Einer der besten Designer der Geschichte, Paul Rand, hat seine Spuren in vielen bekannten Markenlogos hinterlassen. Via the Brandthropologist

Sein Buch erläutert geradeheraus seine Designphilosophie, die er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfolgte, nämlich dem Ruf nach „funktionell-ästhetischer Perfektion“. Eine ideale Balance zwischen einem Logo, das gut aussieht und seinen Standpunkt wirkungsvoll kommuniziert, wie man in seinen berühmten Logo-Designs für Ford, Westinghouse, Yale, ABC, UPS und IBM sieht.

Ein Blick auf das digitale Zeitalter

In den 50er-Jahren begann so langsam die digitale Ära, wie wir sie heute kennen. Die massenhafte Verbreitung von Heimcomputern ist ein technologischer Fortschritt vergleichbar mit der Erfindung der Druckerpresse, führt in ein neues Zeitalter für Massenkommunikation und gewährt Zugang zu ausgefallenen Kunststilen und digitaler Software für neue Methoden zum Erzeugen von Kunst.

MTV logos
MTVs verschiedene Logos.

Adobe Photoshop –erstmals 1990 veröffentlicht – veränderte selbst das Gesicht des Grafikdesigns. Durch Fotobearbeitung entstand eine ganz neue Unterkategorie des Grafikdesigns, bei der Elemente der Fotografie, Illustration und CGI miteinander vermischt werden.

Gleichzeitig veränderte sich auch das Wesen des Brandings, um sich den neuen Zeiten anzupassen. Das haben wir zum Teil MTV zu verdanken. Sie brachten frischen Wind in die Verwendung eines Logos, besonders dadurch, dass sie es permanent veränderten, wobei sie wiedererkennbare Merkmale beibehielten.

perfect example of flat design
Ein perfektes Beispiel für modernes Flat Design. VonKR Designs

Als das Internet um die Jahrhundertwende an Bedeutung gewann, nahmen sich Designer ein Beispiel an MTV und setzten auf jugendliche und zuweilen ausgefallene Designs, um die jüngere Generation ins Internet zu ziehen. Dies sieht man bei Online-Trends wie Flat Design, welches sich durch leuchtende Farben und cartoonartige Charaktere auszeichnet.

old-fashioned graphic design trends
Grafikdesign-Trends sind zyklisch, wie dieses Logo für Carretto Gelato, bei dem Neues auf Altes trifft. Von ssnastasia

Die Geschichte des Grafikdesigns geht weiter

Das bringt uns ins Sachen Grafikdesign so ziemlich zum heutigen Tag, aber ein Mysterium bleibt: Wie sieht die Zukunft des Grafikdesigns aus?

Die Entwicklung visueller Kommunikation von Höhlenmalerei zu digitaler Software kann als große Inspiration dienen, aber welche Früchte sie trägt, hängt von dir ab – ob du nun zur nächsten Generation Designer gehörst oder der Kunde bist, dessen Marke sich für einen neuen Schritt im Design entscheidet. Obwohl der Prozess heutzutage aus harter Arbeit, strengem Feedback und zahllosen langen Nächten vor einem leuchtenden Bildschirm besteht, könnte das Ergebnis das Bauhaus oder Thoughts on Design von morgen sein…

Möchtest du erstaunliche Designs und Designer entdecken?
Durchstöbere eine riesige Auswahl an tollen Designer-Portfolios und finde den richtigen für dein nächstes Projekt.