Kreativität ist eine dieser Eigenschaften, von der die Menschen zwar ein bestimmtes Verständnis zu haben scheinen, aber wenn sie sie definieren sollen, geraten sie ins Stottern. Es ist einfach, eine Reihe kreativer Menschen (Frida Kahlo, Steve Jobs, Steve Wozniak, Einstein) und die Ergebnisse von Kreativität (ein Roman, eine Erfindung, eine neue Art, auf die Welt zu blicken) zu benennen, aber es ist schwierig, das tatsächliche Konzept hinter Kreativität zu verstehen. Je mehr ich für diesen Artikel recherchiert habe, umso mehr habe ich realisiert, dass Kreativität ein unglaublich differenziertes Phänomen ist.

lightbulb brain hooked up to machine
von rvasilovski

Aber irgendwo muss man anfangen, also lass uns mit einer Definition beginnen:

Kreativität ist die Fähigkeit, traditionelle Denk- und Handlungsweisen zu überschreiten und neue und originelle Ideen, Methoden oder Dinge zu entwickeln. 

Schauen wir es uns mal genauer an:

  • Sie ist eine Fähigkeit
    Es ist ebenfalls eine Fähigkeit, einen Kilometer zu laufen oder zu rechnen oder ein Sonett von Shakespeare zu zitieren (Soll ich dich mit einem Sommertag vergleichen?). Kreativität ist also eine Fähigkeit, die für einen Einzelnen spezifisch ist. Manch Menschen scheinen es im Blut zu haben, aber es ist etwas, worin sich jeder verbessern kann, wenn er Zeit und Mühe investiert.
  • Sie überschreitet Denk- und Handlungsweisen
    Überschreiten bedeutet, dass du weit darüber hinausgehst. Es ist das Erkennen von Grenzen – dessen, was bereits existiert, und der Versuch, es zu verbessern.
  • Sie entwickelt neue und originelle Dinge
    Ich denke das Schlüsselwort hier lautet entwickeln. Kreativität geht über die Vorstellung hinaus: Es geht um das Entwickeln. Wenn es eine Idee ist, forschst du daran, um sie zu beweisen. Wenn es ein neuer Prozess ist, testest du ihn, um zu sehen, ob er funktioniert. Wenn es eine Sache ist, baust du sie.

Sehr gut! Und nun, da ich dir diese erleuchtende Definition gegeben habe, können wir ein bisschen tiefer gehen und versuchen, wirklich zu verstehen, was Kreativität ist (und weshalb dich das interessieren sollte).

Kreativität ist ein relativ neues Phänomen

Kreativität gibt es erst seit 60-80 Jahren.

„Aber halt“, sagst du, „was ist mit all den großartigen Künstlern und Erfindern der vergangenen Zeit? Willst du mir sagen, dass Mark Twain und Sir Isaac Newton nicht kreativ waren? Lächerlich!“

Ich bin sicher niemand, der die Väter von Tom Sawyer und der Gravitation beleidigt. Was ich meine ist, dass das Konzept von Kreativität, so wie wir es heute verstehen – auch wenn es noch so allgegenwärtig scheint – bis Mitte des letztes Jahrhunderts nicht wirklich Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs war:

popularity of creativity over time
Von Googles Ngram Viewer

In vielen alten Kulturen wurden Ideen oder Entwicklungen, die wir heutzutage jemandes Kreativität zuschreiben würden, als „Entdeckungen“ betrachtet. Selbst Kunstwerke wurden als Nachahmung der Natur betrachtet statt als Form der Kreation.

In der mittlelalterlichen, christlichen Welt wurden kreative Ideen als göttliche Inspiration gesehen. Hast du etwas Großartiges getan? Dann schuldest du Gott ein High five dafür, dass er dir diese fantastische Idee gegeben hat, mein Freund.

Mit dem Beginn der Aufklärun, sahen wir eine allmähliche Verschiebung hin zu individueller Verantwortlichkeit, aber selbst dort lag der Fokus auf Vorstellungskraft und Intelligenz – die beide Teil der modernen Definition von Kreativität sind, aber nicht ganz dasselbe.

brain in a box head with rainbow illustration
von E·the·re·al“

Erst in den 20er-Jahren sahen wir wirklich die Entstehung der Vorstellung von moderner Kreativität. Mit der Geburt der Psychologie1  am Ende des 19. Jahrhunderts, verschoben sich die Paradigmen in der westlichen Welt und konzentrierten sich stärker auf das Individuum und unsere einzigartigen Fähigkeiten und Persönlichkeiten. (Eine weitere Sache, die wir als angeboren betrachten – Persönlichkeit gab es bis Freud in der Form so nicht.) Kreativität als Fähigkeit oder Charaktereigenschaft gewann erstmals nach Graham Wallas‘ Buch Art of Thought an Popularität. In diesem Werk präsentiert Wallas ein Modell dafür, wie Menschen Probleme angehen und kreativ denken.

Und so wurde die moderne Vorstellung von Kreativität geboren. Seitdem haben Psychologen und Forscher anderer Disziplinen nur die Vorstellung dessen weiterentwickelt, was wir heute darunter verstehen.

Bedeutet das also, dass niemand bis in die 1930er-Jahre kreativ war? Nein. Ohne Frage haben Menschen die Fähigkeit, über den Tellerrand hinaus zu sehen und neue Ideen zu entwickeln, schon seit sehr langer Zeit. Der aktuelle Fokus auf Kreativität zeigt, dass es heutzutage eine geschätzte Qualität in unserer Kultur ist. Der Fokus auf sie als begehrte Eigenschaft kann wahrscheinlich auf die rasante Entwicklung neuer Ideen und Technologien im vergangenen Jahrhundert zurückgeführt werden.

Kreativität ist ein Denkmuster

Wir wissen also, dass Kreativität eine Fähigkeit ist, die es Menschen ermöglicht, neue Ideen zu entwickeln, aber das fühlt sich immer noch ein bisschen vage und nicht greifbar an (ein bisschen so, als würde man sagen, Schwimmen ist die Fähigkeit, im Wasser nicht unterzugehen – im Grunde wahr, aber nicht besonders nützlich, wenn man nach einem tieferen Verständnis sucht oder, nun ja, nicht untergehen will). Leg deine Schwimmflügel an und spring mit uns ins kalte Wasser.

Alle Fähigkeiten entstehen in unserem Gehirn: Egal ob sie physisch (Brustschwimmen lernen) oder geistig (lernen wie man eine mathematische Gleichung löst) sind, es geht um Neuronen, die immer und immer wieder im richtigen Teil deines Gehirns zünden, bis alles, was du tust, fest sitzt.2

Kreativität ist die Fähigkeit, traditionelle Denkweisen zu überschreiten und sich neue Ideen einfallen zu lassen. Aber woher kommen diese neuen Ideen?

Vergiss rechte vs. linke Gehirnhälfte. Es geht um die Netzwerke.

Ebenso wie das hartnäckige Gerücht, wir würden nur 10% unseres Gehirns nutzen, ist die Vorstellung, dass kreative Menschen mehr ihre linke Gehirnhälfte beanspruchen und analytische Menschen ihre rechte Gehirnhälfte – absolute Pseudowissenschaft.

brain game
von LittleFox

Ja, es gibt Teile unseres Gehirns, die bestimmte Funktionen haben, aber es sind die Verbindungen zwischen diesen Bereichen und die Netzwerke, die sie erzeugen, welche Kognition hervorbringen. Wenn du beispielsweise versuchst, über einen Baumstamm zu klettern, der auf einen Weg gefallen ist, sprichst du höchstwahrscheinlich das Netzwerk an, welches die Teile deines Gehirns verbindet, die optische Bilder verarbeiten und motorische Koordination steuern. Wenn du einem Freund erklärst, wie er über besagten Baumstamm klettern soll, kommt noch der Teil hinzu, der die Sprache kontrolliert.

Wenn es um Kreativität geht, haben Neurowissenschaftler drei großflächige (und passend benannte) Netzwerke im Gehirn identifiziert, die wichtig sind:

  1. Das exekutive Aufmerksamkeitsnetzwerk hilft dir, aufmerksam zu sein und dich zu konzentrieren.
  2. Das Vorstellungsnetzwerk ermöglicht es dir, tagzuträumen oder dich in jemanden hineinzuversetzen.
  3. Das Salienz-Netzwerk lässt dich erkennen, wenn Dinge, die tief in deinem Gehirn vergraben sind, aus deiner Umgebung hervorstechen (du bist z.B. wandern und genießt die Landschaft und bemerkst diese eine Pflanze… realisierst, dass sie dir bekannt vorkommt… und es Giftefeu ist! Und schon hast du dir gerade einen fürchterlichen Ausschlag erspart.).

Je aktiver diese Netzwerke in deinem Gehirn sind und je mehr sie zusammenarbeiten, umso kreativer bist du.3

Also zurück zu unserer ursprünglichen Frage: Was ist Kreativität? Kreativität ist eine Fähigkeit, die es dir ermöglicht, deine Umgebung zu verstehen, diese Beobachtungen mit deinem vorhandenen Wissen zu verbinden und dir neue Anwendungsmöglichkeiten deines Wissens vorzustellen. 

Gibt es eine Verbindung zwischen Kreativität und Intelligenz?

link between creativity and intelligence
Diese Studie behauptet, eine positive Korrelation zwischen Kreativität und Intelligenz zu finden, aber unsere internen Statistiker zweifelten an den Ergebnissen.

Wenn es also nur darum geht, was sich in bestimmten Netzwerken im Gehirn abspielt, bedeutet das dann, dass kreative Menschen klüger sind? Ich wünschte, ich könnte diese Frage mit einem einfach Ja oder Nein beantworten, aber Erforschung der Kreativität ist noch immer ziemlich jung und die Forschung ist sich diesbezüglich noch nicht ganz einig.

Im Jahr 1999 lieferten die Forscher Sternberg und O’Hara einen Rahmen für fünf mögliche Beziehungen zwischen Kreativität und Intelligenz:

  1. Kreativität ist eine Form der Intelligenz
  2. Intelligenz ist eine Form der Kreativität
  3. Kreativität und Intelligenz sind sich überschneidende Konstrukte (sie haben einige Eigenschaften gemeinsam)
  4. Kreativität und Intelligenz sind Teil desselben Konstrukts (sie sind im Grunde das Gleiche)
  5. Kreativität und Intelligenz sind unterschiedliche Konstrukte (es gibt keine Beziehung zwischen ihnen)

Es gibt Studien, die Beweise für jede dieser Ansichten liefern, aber bisher war noch keine überzeugend in ihren Schlussfolgerungen. Also gibt es im Grunde nichts, das zeigt, dass du klüger bist, wenn du kreativer bist. Aber es gibt auch nichts, das zeigt, dass es keinen Zusammenhang gibt.

Sind Kinder kreativer als Erwachsene?

Wenn du Kreativität googelst, stößt du ziemlich schnell auf einen Artikel, der eine Studie von Professor George Land erwähnt, die den Eindruck erweckt, dass die Kreativität von Kindern mit der Zeit abnimmt.

Das Wesentliche: Land arbeitete mit der NASA zusammen, um einen Test für Kreativität zu entwickeln, der ihnen dabei helfen würde, innovative Ingenieure und Wissenschaftler für das Raumfahrtprogramm auszuwählen. Im Jahr 1968 gaben er und seine Kollegin Beth Jarman diesen Test 1.600 Kindern und fanden heraus, dass – oh Schock – 98% der 5-Jährigen offenbar kreative Genies waren. Und wir alle wurden mit zunehmendem Alter immer unkreativer, bis lediglich nur noch mickrige 2% von uns Erwachsenen als kreative Genies galten.

nasa creativity test pass rates
von fritzR

Nun, vielleicht bin ich nur verbittert, weil ich neidisch auf all diese Wunderkinder und ihre Ideen bin, die es ihnen ermöglichen würden, Astronauten zu werden, aber ich sehe diese Ergebnisse etwas skeptisch. Sicher, sie sind guter Clickbait und geben ein gutes Gefühl (lasse dem Kind in dir freien Lauf, ignoriere den gesellschaftlichen Druck und du könntest dich qualifizieren, auf den Mond zu fliegen!), aber hast du kürzlich mal Zeit mit einem 5-Jährigen verbracht?

Mein Kollege hat einen Sohn in diesem Alter: Vergangenes Wochenende hat er die Affen des Spiels Barrel of Monkeys so miteinander verbunden, dass seine grünen Spielzeugsoldaten hätten darauf klettern können.

Das ist nicht nur unglaublich niedlich, sondern auch ein tolles Beispiel für außergewöhnlich kreatives Denken. Was es aber im echten Leben bringt? Vermutlich nicht so viel. (Obwohl ich die Vorstellung unfassbar witzig finde!)

Weniger Synapsen = Weniger Affen?

Kleine Kinder haben erstaunliche Gehirne: Sie entwickeln in den ersten paar Jahren ihres Lebens buchstäblich Milliarden neuronaler Synapsen. Später nehmen diese Verbindungen dann ab, genannt Synapseneliminierung, da einige dieser Synapsen genutzt werden und andere nicht.

Mit anderen Worten, Kinder verbinden in ihrem Kopf alle möglichen komischen Dinge miteinander, da sie noch nicht gelernt haben, dass diese Dinge nicht unbedingt zusammenpassen. Die Fähigkeit, Verbindungen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Dingen – auch divergentes Denken genannt – herzustellen, ist ein wichtiger Teil des kreativen Denkens. Aber es ist nur ein Teil und wahrscheinlich der Grund, weshalb ich noch nicht bereit bin, Wunderkindern das Raumfahrtprogramm anzuvertrauen.

Aber dies unterstreicht eine wichtige Frage:

Wie testen wir Kreativität?

Einige unserer Designer zeichnen sich besonders durch divergentes Denken aus. Fliegende Schildkröte von Fafahrd Deustua.

Die ursprünglichen Kreativitätstests, die in den 1960er-Jahren entwickelt wurden, testen das divergente Denken. Ein paar Beispiele dafür beinhalten alternative Verwendungen (was kannst du alles mit einer Büroklammer machen; die Anzahl und Originalität beeinflussen deine Punkte) und den unvollständigen Figurentest, bei dem dir eine Linie auf dem Papier vorgegeben wird und du die Zeichnung vollenden sollst (ein ungewöhnliches Thema, implizierte Geschichten, Humor und Originalität bringen hohe Punktzahlen).4

Andere Forscher haben versucht, Kreativität durch Selbstbeurteilungsfragebögen und Persönlichkeitstest zu messen (bei denen du dir einen Mix aus anderen Charaktereigenschaften ansiehst und versuchst, eine „Formel“ für eine kreative Person zu finden). Beide Methoden haben einige innewohnende Vorurteile.

Während also Tests zu divergentem Denken in der Kritik standen, sind sie aktuell der anerkannteste Weg, Kreativität zu messen. (Obwohl ich sehr neugierig bin, wohin uns die Neurowissenschaft noch führt.)

Weshalb sollte dich Kreativität interessieren?

Ich hoffe, ich bin nicht zu anmaßend, wenn ich sage, dass jeder neue Fähigkeiten entwickeln oder sein Können verbessern will. (Wer wäre nicht gern ein schnellerer Läufer oder besserer Pokerspieler?) Aber wir alle haben nur eine begrenzte Lebenszeit, daher kannst du nicht für alles trainieren. Warum ist Kreativität eine der Fähigkeiten, der du Zeit widmen solltest?

von InQueen

Nun, wenn dir deine Karriere wichtig ist, lohnt sich die Investition wahrscheinlich. Sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen wissen Menschen mit kreativen Eigenschaften zu schätzen. Laut einer Umfrage von Adobe verdienen Menschen, die sich für kreativ halten, 17% mehr als solche, die es nicht tun. Ebenfalls fand eine Umfrage von IBM unter 1.500 CEOs heraus, dass Kreativität die wichtigste Eigenschaft für unternehmerischen Erfolg ist.

Und ja, die Daten dieser Umfragen basieren auf Meinungen und Selbsteinschätzungen zur Kreativität, aber selbst wenn die Wissenschaftler protestieren, so lohnt es sich doch, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Im Grunde denken sowohl dein Chef als auch sein Chef, dass Kreativität wichtig ist. Und das macht Sinn, da laut Definition eine kreative Person buchstäblich jemand ist, der gute Ideen hat und diese verwirklichen kann. In der heutigen Welt ist genau das der Treibstoff für unternehmerischen Erfolg.

Kannst du kreativer werden?

Absolut! Kreativität ist keine magische Gabe, die nur wenigen Glücklichen vorbehalten ist. Es ist eine Fähigkeit, die du schleifen und verbessern kannst. Der Trick ist herauszufinden, wie du deine kreativen Muskeln spielen lassen kannst.


1. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind ein paar Dinge passiert, die unsere Weltansicht verändert haben, wie die Entdeckung der Relativität, die Erfindung der Massenverkehrsmittel, neue Wege, über lange Strecken zu kommunizieren, und das Einfangen der Realität (z. B. Fotografie und Filmemachen).
2. Dieser TED Talk darüber, wie man effektiv trainiert, ist großartig. Er bietet eine tolle Erklärung dazu, welchen Einfluss das Trainieren auf dein Gehirn hat.
3. Es gibt überzeugende Beweise dafür, dass unser derzeitiges Bildungssystem nicht darauf ausgelegt ist, die Art kreativen Denkens zu fördern, die in unserer heutigen Gesellschaft so geschätzt wird. Was Sinn macht, wenn man bedenkt, dass die grundsätzliche Struktur und der Lehrplan der Schulen (zumindest in den Vereinigten Staaten) aus dem 19. Jahrhundert stammt.
4. Du willst mehr erfahren? 99U hat einen großartigen Artikel mit 5 klassischen Kreativitätstests, die du ausprobieren kannst.

Sei noch kreativer!
Möchtest du 6 bewährte Strategien lernen, um deine Kreativität zu steigern?