Wir bitten nicht jeden Tag darum, Buchcover zu beurteilen, aber im Fall von Kerry Ellis (aka Llywellyn) wollen wir euch sogar dazu ermutigen.

Seit mehr als sechs Jahren designt Kerry erfolgreich Buchcover über 99designs. Im Gegensatz zu ihrem üppigen Portfolio – stilistisch inspiriert von Saul Bass bis hin zu keltischem Klassizismus – ist sie eher bescheiden.

Wir haben mit ihr gesprochen, um zu erfahren, wie ihre kreative Uhr tickt, woher sie ihre Inspiration nimmt und was sie momentan liest.

Kerry Ellis aka Llywellyn

Name: Kerry Ellis

99designs Nutzername: Llywellyn

Ort: USA

Erzähl uns was über dich und deinen Background!

Bis ich zur High School kam, sind wir viel umgezogen. Dadurch entwickelte ich früh eine dezente nomadenhafte Reisemacke. Was dazu führte, dass ich in Irland studierte, was mich wiederum zu einem Professor führte, der mich auf den Weg brachte, Redakteurin zu werden, indem er mich für das Writing Center engagierte. Ich habe mehr als ein Jahrzehnt in verschiedenen Bereichen des Verlagswesens als Redakteurin gearbeitet und ich liebe es.

Du bist jetzt schon ganz schön lange bei 99designs (sechs Jahre!). Kannst du was über deine Erfahrungen erzählen?

Gott, ist das jetzt wirklich schon so lang? Ich habe angefangen wie die meisten – mit ein paar Illustratorkenntnissen. Ich dachte, ich könnte mir leicht etwas dazu verdienen, indem ich Logos entwerfe. Ich meine, wie schwer kann das sein?

Ich war furchtbar. Vielleicht besser als so manche, aber mein erster Wettbewerb auf 99designs hat mir gezeigt, wie viel ich noch zu lernen hatte. Und dann gab es eine lange Pause, in der ich mich gar nicht damit auseinandergesetzt habe.

Nach mehr praktischer Erfahrung im Layoutdesign bei NASA habe ich mich wieder mit 99designs befasst und die Kategorie Buchcover entdeckt. Als gierige Leseratte und Vollzeit-Redakteurin hat mich diese Kategorie fasziniert. Somit habe ich meine Nische gefunden und angefangen wirklich weiterzukommen bei 99designs.

Buchcover-Design „The God of my Art“

Was gefällt dir am besten am Freelancen?

Die Freiheit zu haben, woran ich arbeiten möchte. Da ich ja einen Vollzeitjob habe, bin ich superfrei darin, mir die Jobs auszuwählen, mit denen ich mich abends und am Wochenende beschäftige. Und dadurch, dass es zusätzliche Arbeit zu meiner Hauptbeschäftigung ist, muss es wirklich etwas sein, was mir Spaß macht. Durch das Freelancen kann ich das.

Du bist definitiv jemand, der Bücher liebt. Was gefällt dir am Buchcover-Designen am besten?

Die Geschichten! Es gibt so ein unendliches Angebot an Geschichten. Ich liebe es einfach, neue Welten und Charaktere zu entdecken und den Versuch, sie zum Leben zu erwecken.

Was ist die größte Herausforderung beim Buchcover-Design?

Alles auf eine Seite zu reduzieren, wofür der Autor ein paar hundert Seiten gebraucht hat. Es ist noch schwieriger, wenn man nicht das ganze Script zur Verfügung hat. Mit nur einem kurzen Briefing muss man sich auf die Autoren verlassen, um herauszufiltern, was das wichtigste an ihrer Arbeit ist.

Es ist oft so, dass der Autor so in seinem Werk steckt, dass er bestimmte Feinheiten auslässt, die allerdings für den Designer sehr hilfreich sein könnten. Dem Geschriebenen gerecht zu werden, ist eine große Herausforderung und unfassbar bereichernd, wenn man es hinbekommt.

Buchcover-Design „Busker's Holiday“

Der Stil ist auf jedem deiner Cover ein anderer. Wie entscheidest du dich für einen speziellen Look?

Ist das so? Witzig, ich habe immer das Gefühl, das Gleiche zu tun: Minimalismus und Raster.

Manchmal hat der Autor schon eine Vorstellung im Kopf, was mich auf die Suche nach dem passenden Bild schickt. Manchmal ist es auch ein bestimmtes Wort oder eine Formulierung, die mich auf eine Idee bringen, und dann suche ich nach Stockfotos oder alten Gemälden, die dazu passen oder ein gewisses Bauchgefühl auslösen. Je nachdem, was ich so finde, dominiert das dann den Stil des Covers.

Natürlich habe ich immer das Genre im Blick. Jedes Genre hat sein eigenes Look and Feel, aber ich will auch nicht immer mit Klischees spielen (was eventuell der Grund dafür sein könnte, warum ich so schlecht bin in manchen Genres). Für einen heftigen Thriller beispielsweise würde ich nie einen rüschigen Script-Font verwenden.

Allerdings will ich auch nicht dieses typische Bild mit „dunklen Blautönen und großer Serifenschrift“ nachbilden, wenn ich es vermeiden kann. (Es lässt sich nicht immer vermeiden, aber ich fange immer frei an, bis der Autor mich anders navigiert.)

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Links: The Strange Death of Fiona Griffiths; Rechts: Freckles over Scars

Gibt es einen Autor, mit dem du besonders gern gearbeitet hast? Oder ein bestimmtes Projekt, auf das du besonders stolz bist?

Einige! Aber ich beschränke es auf ein paar persönliche Meilensteine.

Der erste war ein Wettbewerb für eine Trilogie. Es waren Mystery-Bücher mit keltischer Mythologie als Thema. Und falls es euch noch nicht in meinem walisischen Nutzernamen aufgefallen ist, ein Blick in mein Bücherregal verrät, wie besessen ich von Mythologie und keltischen Dingen bin. Dieser Wettbewerb war also wie für mich gemacht.

Selbst wenn ich ihn verloren hätte, hätte ich es versuchen müssen, weil mir das Thema so sehr am Herzen liegt. Letztendlich habe ich damit meinen ersten Buchcoverpreis gewonnen! Ich war total beschwingt und konnte es kaum erwarten, bis die Bücher rauskommen, weil ich sie so unbedingt lesen wollte. (Das erste Buch ist endlich auf dem Markt!)

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Der nächste Wettbewerb gab mir genug Selbstbewusstsein, nach einer Platinbeförderung zu fragen: The Gondola Maker. Es war ein sehr einschüchternder Contest – tonnenweise Talent und Einreichungen. Ich liebe historische Romane, weshalb mich dieser Wettbewerb erst interessierte. Dazu kam, dass ich zu dem Zeitpunkt vor Kurzem in Venedig war und unzähliges Fotomaterial von dort mitgebracht hatte (für mich meine beste fotografische Arbeit).

Mir fiel auf, dass keiner der anderen Mitstreiter einen Gondelbauer abgebildet hatte. Man muss auch zugeben, dass es meistens nicht so clever ist, das Offensichtliche zu zeigen, aber in diesem Fall wollte ich dem Autor eine weitere Option geben als nur Gondeln ohne Gondelbauer.

Diese Komposition ist die größte, die ich bis heute zusammengesetzt und gewonnen habe: Die Hände und Holz von einem Foto, die Schürze von einem anderen, die gekrempelten Ärmel wieder von einem anderen und die Gondel selbst ist von einem meiner eigenen Bilder. Dann das Wachssiegel, der geflügelte Löwe und die Buggabel – für all diese Elemente habe ich öffentliches Material verwendet, weil die Kosten für das Stockfotomaterial sich doch ganz schön summierten.

Es wurde viel besser, als ich es mir je hätte vorstellen können. Der Autorin hat es gefallen. Und sie hat mir ein paar Exemplare geschickt, die ich an Freunde und Familie verschenkt habe, außer eins – mein eigenes. Dieses Cover brachte mich auf den Gedanken, dass ich tatsächlich gut in dem bin, was ich tue, und ich weitermachen sollte.

Cover Design „The Migraine Mafia“ & „le Heur de Blanc“

Links: The Migrain Mafia; Rechts: Le Fleur de Blanc

Woher nimmst du deine Inspiration?

Kunst und Fotografie machen einen großen Teil aus. Ich liebe Museen mit zeitgenössischer Kunst und die alten Meister mit ihren klassischen Porträts. Kunstgeschichte war eines der Fächer, die ich nie verpasst habe in der Uni. So fing ich an, in jeder Stadt, die ich besuche, in die Museen zu gehen.

Vor acht Jahren ungefähr fing ich an Fotografie zu erforschen und verliebte mich sofort in die Neigungen von Alfred Stieglitz und George Hurrell (meine Affinität zu klassischen Filmen war da sicherlich hilfreich). Von alten Blechfotografien und Cyanotypen kriege ich Schmetterlinge im Bauch.

Und Vintage Poster. Alphonse Mucha hat mich als erstes in diese Welt gezogen, die ich einfach verehre.

Das sind so meine Quellen, wenn ich auf der Suche bin und mich daran erinnern will, wie viel Kunst es schon gibt, die nur wiederentdeckt und umfunktioniert und in einem komplett neuen Publikum präsentiert werden muss.

Buchcover „Music of Scred Lakes“

Was liest du zurzeit? Hast du ein Lieblingsbuch, was immer geht?

Ich lese gerade mehrere Bücher: The Long Mars, Station Eleven, The Brothers Karamazov, Remembrance of Things Past (Ich schwöre, sie alle irgendwann fertig zu lesen!). Außerdem habe ich gerade sechs Thomas Hardy Bücher gekauft, weil ich es in der Unizeit irgendwie komplett verpasst habe.

Ein Lieblingsbuch ist da schon schwieriger. Ich hab so viele und jedes aus einem anderen Grund. Die Herr der Ringe Trilogie, weil mein Vater mich damit in das Fantasy Fiction Genre eingeführt hat. (Er gab mir seine ledergebundene Ausgabe vom Hobbit und nach dem ich damit fertig war, hat er mich mit der Trilogie überrascht).

Grania von Morgan Llywelyn, weil sie meine Lieblinge – die keltische Mythologie und historische Romane – auf eine Art zusammenbringt, von der ich keine Ahnung hatte, dass sie existiert. Ich war so entzückt von ihr, dass ich ihr schrieb, als ich in Irland studierte, und um ein Treffen bat. Zu meiner Überraschung antwortete sie und stimmte zu. Leider war das mit ihrem Terminplan schwer zu vereinbaren. Aber ich rief sie von Dublin aus an, kurz nach dem ich die echte Tara Brooch gesehen habe. Wir hatten ein wunderbares Gespräch.

Und The Color of Magic von Terry Pratchett. Weil es mir sein Werk und seine Scheibenwelt eröffnete. Eine Reise von der ich sehr traurig bin, dass sie zu Ende ist, aber ich werde für immer dankbar sein, es erfahren und gelesen zu haben.

Gibt es noch etwas, was du hinzufügen möchtest?

Ach, ich hab doch bestimmt schon viel zu lang erzählt. Ich fühle mich geehrt und bin ein bisschen perplex, dass ich nach einem Interview gefragt wurde. Vielen Dank! Das hat Spaß gemacht.

Schau dir Kerry Ellis’ komplettes Portfolio an.